Die Epic Games-Entlassungswelle vom 24. März trifft die Branche härter als erwartet – nicht nur zahlenmässig, sondern menschlich. Mehr als 1.000 Entwickler verloren innerhalb eines Tages ihre Stelle, darunter langjährige Mitarbeiter und mindestens einer, der sie dringender brauchte als die meisten.
Kurz & Knapp
- Epic Games entliess am 24. März über 1.000 Mitarbeiter – rund 20 % der Belegschaft
- CEO Tim Sweeney begründete den Schritt mit sinkenden Fortnite-Nutzerzahlen seit 2025
- Valve-Veteran Chet Faliszek rechnet öffentlich mit Sweeney ab: „Gabe macht das besser als du"
- Mike Prinke, technischer Schreiber bei Epic, kämpft gegen Hirnkrebs – und verlor mit seiner Stelle auch seine Lebensversicherung
- Epics Abfindungspaket: mindestens vier Monate Grundgehalt, sechs Monate Krankenversicherung (USA)
- Laut Faliszek übertrifft die Zahl der Entlassenen Valves gesamte Belegschaft
Faliszek vs. Sweeney: „Gabe macht das besser als du"
Chet Faliszek hat bei Valve mitgeschrieben, was heute als Klassiker gilt: Half-Life 2, Portal, Left 4 Dead, Team Fortress 2. 2017 verliess er das Studio – mit genug Geld, um heute in Rente zu gehen, wie er selbst sagt. Seit dieser Woche hat er auch eine unmissverständliche Meinung zu Tim Sweeney.
„Kann mir jemand erklären, warum irgendjemand bei Epic hart arbeiten sollte?", fragt er in einem TikTok-Video. Der Einstieg ist direkt, der Rest geht noch weiter. Faliszek macht darauf aufmerksam, dass Epics Massenentlassung kein börsenrechtlicher Zwang war – kein Quartalsdruck, kein Aktionärsvoting. Das war Sweeneys eigene Entscheidung. Über tausend Menschen auf der Strasse, und diese Zahl übertrifft Valves gesamte Belegschaft.
„Tim ist dazu übergegangen, nur noch ein Spiel zu machen und seine Zeit damit zu verbringen, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Gabe macht das besser als du."
Der Vergleich mit Valve zieht sich durch das gesamte Video. Faliszek beschreibt nicht nur bessere Bezahlung, sondern eine andere Grundhaltung: Entwickler, die sich als Miteigentümer verstehen. Nicht zwingend im rechtlichen Sinne, aber im Geist. „Ich habe bei Valve Valve gehört", sagt er. Das klingt pathetisch, meint er aber operational: Wer das Gefühl hat, für etwas zu arbeiten, das ihm gehört, arbeitet anders.
Valve als Gegenmodell – und seine Grenzen
Faliszek macht aus Valve keinen heiliggesprochenen Ausnahmebetrieb. Er räumt ein, dass sein Arbeitsstil – „Arsch aufreissen, solange ich da bin" – nicht für jeden passt. Aber genau darum geht es: Bei Epic entfällt der Anreiz für alle.
„Würde ich das bei Epic tun? Wenn sie mich so behandeln und einfach solche Entlassungen machen – genau wie EA: ‚Tolle Arbeit, Battlefield 6 gemacht, hier ist deine Kündigung'?"
Die Parallele zu EA ist nicht zufällig. Faliszek spricht einen Mechanismus an, den die Branche seit Jahren kennt: Erfolg schützt nicht. Der Entwickler, der ein Spiel möglich macht, und der, der danach gefeuert wird, kann dieselbe Person sein. Das untergräbt jede Art von Identifikation mit der Arbeit. „Wir verlieren die Leidenschaft", sagt er. „Das erschreckt mich."
Der Fall Mike Prinke: Wenn Entlassungen tödlich teuer werden
Was Faliszek beschreibt, bleibt für ihn Analyse. Für Mike Prinke und seine Familie ist es Realität. Prinke, technischer Schreiber und Programmierer bei Epic seit 2019, wurde in der Entlassungswelle mitgenommen. Was seinen Fall von anderen unterscheidet: Er kämpft gegen einen terminalen Hirntumor.
Seine Frau Jenni Griffin veröffentlichte einen Facebook-Post, der seither durch die englischsprachige Community läuft. Darin beschreibt sie, was der Jobverlust konkret bedeutet: keine Lebensversicherung mehr, weil Mikes Krebs als Vorerkrankung gilt und eine neue Police damit kaum zu bekommen ist. Die Alternativen, die Epics HR-Abteilung anbot, seien laut Griffin finanziell kaum tragbar – „tausende Dollar im Monat", ohne Jobsicherheit.
„Wenn die Person, die diese Entscheidung getroffen hat, die volle menschliche Konsequenz verstanden hätte, hätte sie dieses Ergebnis nicht gewollt."
Epics offizielles Paket klingt auf dem Papier fair: mindestens vier Monate Grundgehalt, sechs Monate Krankenversicherungsübernahme in den USA, beschleunigte Aktienoptionen bis Januar 2027. Aber Krankenversicherung ist nicht Lebensversicherung. Und sechs Monate sind kein Puffer, wenn man mit einem terminalen Befund konfrontiert ist.
Tim Sweeney, dessen Nettovermögen Forbes auf rund 5,1 Milliarden Dollar schätzt, kommentierte die Entlassungen öffentlich damit, Arbeitgeber würden nun „einen Strom von Lebensläufen einmaliger Qualität" erhalten. Im Kontext des Falls Prinke klingt das, gelinde gesagt, unglücklich.
Zweite Welle, gleiche Geschichte
Das ist nicht Epics erste grosse Entlassungswelle. 2023 verloren 830 Menschen – rund 16 % der Belegschaft – ihre Stellen. Jetzt sind es über 1.000, knapp 20 %. Dazu kommen der Rückzug von Fortnite Rocket Racing, Fortnite Festival und Ballistic. Sweeney begründet den Schritt mit sinkender Nutzeraktivität in Fortnite ab 2025 und Ausgaben, die die Einnahmen deutlich übersteigen – trotz identifizierter Einsparungen von über 500 Millionen Dollar in den Bereichen Marketing und Outsourcing.
Die Ironie liegt auf der Hand: Die V-Buck-Preiserhöhung, die Epic kurz vor den Entlassungen ankündigte, sollte laut Community genau diese Lücke schliessen. Faliszek greift das direkt auf: „Du erhöhst die V-Buck-Preise, um die Rechnungen zu bezahlen, und entlässt dann tausend Leute?"
Fortnite ist nach wie vor eines der meistgespielten Spiele der Welt. Aber als einziger tragender Pfeiler eines Unternehmens dieser Grösse reicht das offenbar nicht mehr. Und die Menschen, die Fortnite erst möglich gemacht haben – darunter Jonesy-Designer Vitaliy Naymushin und Battle-Pass-Veteran Johnny Cash – sind weg.
Wie siehst du das: Ist Epics Unternehmenskultur das eigentliche Problem – oder steckt hinter den Entlassungen einfach die Realität eines Markts, der für jeden schwieriger wird?
Quellen: PC Gamer, Facebook, TikTok