Das stille Sterben der Tech-Medien
Die Zahlen lesen sich wie ein Obduktionsbericht. Digital Trends: minus 97 Prozent. ZDNet: minus 90 Prozent. The Verge: minus 84 Prozent. Was die SEO-Agentur Growtika anhand von Ahrefs-Daten für den US-Markt dokumentiert hat, ist kein saisonaler Einbruch und kein Google-Update, das sich aussitzen lässt.
Zwischen Anfang 2024 und Januar 2026 haben zehn der grössten englischsprachigen Tech-Publikationen zusammen 58 Prozent ihres organischen Google-Traffics eingebüsst – von 110 Millionen auf 47 Millionen monatliche Besuche.
Kurz & Knapp
- Zehn grosse Tech-Medien verloren zusammen 63 Millionen monatliche Google-Besuche seit ihren Peaks 2024 (Growtika-Studie).
- Die stärksten Einbrüche begannen Mitte 2025 – zeitgleich mit dem Ausbau von Googles AI Overviews.
- In Deutschland sank der Website-Traffic seit Einführung der KI-Übersichten durchschnittlich um 17,8 Prozent (Wordsmattr-Studie).
- Gaming-Journalismus verlor in zwei Jahren 25 Prozent seiner Fachredakteure weltweit – über 1.200 Personen (VGC / Press Engine).
- Die Top-135-Gaming-Websites produzierten im Q1 2025 über 100.000 Artikel weniger als im Vorjahr (The Game Business).
- Kleine Community-Seiten stehen vor einem Paradox: Ihre Stärke – Nischentiefe – macht sie zugleich verwundbar.
Wo die Millionen verschwanden
Die Growtika-Studie sortiert die betroffenen Seiten in drei Gruppen. In der ersten, der faktisch existenzbedrohten Kategorie, stehen Digital Trends, ZDNet, HowToGeek und The Verge mit Verlusten zwischen 84 und 97 Prozent. Die zweite Gruppe – TechRadar, Wired, Tom's Guide und CNET – hat sich halbiert oder mehr, arbeitet aber noch mit substanziellen Besucherzahlen.
PCMag und Mashable kommen vergleichsweise glimpflich davon, mit Rückgängen um 29 bis 30 Prozent.
Besonders aufschlussreich: HowToGeek, einst Anlaufstelle für Step-by-Step-Anleitungen wie "Screenshot unter Windows machen", verlor 85 Prozent. Exakt diese Art von Fragen beantwortet Googles KI-Übersicht heute direkt in den Suchergebnissen. Der Klick auf die Website entfällt.
| Publikation | Peak-Traffic | Januar 2026 | Rückgang |
|---|---|---|---|
| Digital Trends | 8,6 Mio. | 269.000 | -97 % |
| ZDNet | 7,6 Mio. | 769.000 | -90 % |
| The Verge | 5,3 Mio. | 853.000 | -84 % |
| TechRadar | 15,6 Mio. | 4,0 Mio. | -74 % |
| CNET | 20,3 Mio. | 10,7 Mio. | -47 % |
Daten: Ahrefs, US-Markt. Vollständige Tabelle mit allen zehn Publikationen bei Growtika.
Kein Tech-Problem – ein systemischer Wandel
Das Muster beschränkt sich nicht auf Tech-Medien. NerdWallet, ein börsennotiertes Finanzportal, verlor 73 Prozent seines organischen Traffics. Healthline büsste 55 Millionen monatliche Besuche ein – mehr als alle zehn Tech-Publikationen heute zusammen noch haben. Laut dem Reuters Institute sank der Google-Such-Traffic zu Publishern weltweit um ein Drittel im Jahr bis November 2025. Search Engine Land berichtet, dass Publisher im Schnitt einen Rückgang von 43 Prozent bis 2029 erwarten.
Drei Faktoren treiben diese Entwicklung. Erstens: Googles AI Overviews, seit Mitte 2024 breit ausgerollt, beantworten informationelle Suchanfragen direkt auf der Ergebnisseite.
Zweitens: Reddit-Threads ranken zunehmend für kommerzielle Keywords wie "beste kabellose Kopfhörer" oder "bester VPN 2026" – Terrain, das traditionell den Testportalen gehörte. Growtika dokumentiert diesen Trend in einer separaten Analyse zu Reddit-Backlinks.
Drittens: Ein wachsender Anteil der Nutzer umgeht Google komplett und recherchiert direkt in ChatGPT, Claude oder Perplexity. Laut Xpert Digital erreichte ChatGPT 2025 rund 800 Millionen wöchentlich aktive Nutzer, und die Zahl der nachrichtenbezogenen Prompts stieg zwischen Januar 2024 und Mai 2025 um 212 Prozent.
Deutschland: AI Overviews seit März 2025
Seit dem 26. März 2025 sind die AI Overviews auch in Deutschland aktiv. Eine Studie der Agentur Wordsmattr, die 125 SEO-optimierte Landingpages für über 1.000 Keywords im DACH-Raum analysierte, beziffert den durchschnittlichen Klick-Rückgang auf 17,8 Prozent. Bei rein informativen Seiten – Ratgeber, Reise, Medizin – fiel der Traffic um bis zu 40 Prozent (IT-Daily).
Das Perfide: Die Sichtbarkeit in den Suchergebnissen sank nur minimal (minus 1,2 Prozent bei den Impressionen). Google zeigt die Seiten noch. Es klickt nur niemand mehr drauf.
Die Click-Through-Rate für informationelle Suchanfragen fiel laut Claneo um bis zu 60 Prozent bei bestimmten Anfragen, in der breiteren Analyse von Interactive Tools um 16 bis 40 Prozent – je nach Zeitraum und Keyword-Typ. Die Fachpublikation Retresco fasst die Folge für Medienhäuser zusammen: AI Overviews und AI Mode betreffen exakt die Formate, mit denen digitale Reichweite aufgebaut wird – Reviews, Ratgeber, How-Tos, Service-Inhalte und Produktsuchen.
Eine breite Allianz aus BDZV, VAUNET, Corint Media und weiteren deutschen Medienverbänden hat im September 2025 förmlich Beschwerde bei der Bundesnetzagentur eingereicht. Google, so der Vorwurf, agiere als "Traffic-Killer" und verstosse gegen den Digital Services Act. Die EU-Kommission prüft – ohne bisher ein formales Verfahren eingeleitet zu haben. Ob es angesichts der laufenden Zollverhandlungen zwischen EU und USA zu konsequenten Massnahmen kommt, gilt in der Branche als offen.
Gaming-Journalismus: Der stille Aderlass
Was für Tech-Medien in Zahlen messbar ist, trifft Gaming-Publikationen mit besonderer Härte. Press Engine, ein PR-Tool für die Spieleindustrie, verzeichnete in zwei Jahren den Verlust von über 1.200 Fachredakteuren weltweit – ein Rückgang von 25 Prozent im globalen Pool der Gaming-Journalisten. Die Top-135-Gaming-Websites produzierten im ersten Quartal 2025 über 100.000 Artikel weniger als im Vorjahreszeitraum, ein Minus von 13 Prozent.
Die Berichterstattung konzentriert sich zunehmend auf wenige AAA-Titel. Gareth Williams, Mitgründer von Press Engine, fasst es gegenüber VGC so zusammen: Googles Helpful Content Update, AI-Zusammenfassungen und der allgemeine KI-Umbruch hätten die Branche fundamental verändert. Indie- und AA-Titel verlieren dadurch doppelt – weniger Journalisten berichten über sie, und die verbleibenden Redaktionen setzen auf Reichweiten-garantierte Blockbuster-Inhalte.
The Verge, deren Gaming-Traffic besonders stark einbrach, bezeichnet die Situation offen als ein Aussterbe-Szenario, das bereits begonnen hat. Publisherin Helen Havlak sagte gegenüber NPR, dass kleine Publisher schon jetzt gezwungen worden seien, aufzugeben. Der Reiseblog The Planet D stellte seinen Betrieb ein, nachdem der Traffic um 90 Prozent gefallen war. Stereogum, ein Musik-Blog, verlor 70 Prozent seiner Werbeeinnahmen. Business Insider büsste 55 Prozent seines organischen Such-Traffics ein und strich daraufhin 21 Prozent der Belegschaft.
Auch in Deutschland ist die Lage angespannt. GameStar thematisiert die Krise der Spieleindustrie regelmässig, zuletzt mit einem ausführlichen Talk über den "Gaming-Kollaps". Die Webtronic-Plattform Fandom, Future Publishing (u.a. GamesRadar, TechRadar, PC Gamer) und Valnet haben im vergangenen Jahr allesamt Stellen abgebaut. Eurogamer, eine der traditionsreichsten europäischen Gaming-Seiten im Besitz von IGN, kündigte erst vor wenigen Tagen weitere Redaktionskürzungen an.
Die Unabhängigen bei Aftermath berichten aus erster Hand, wie sich die wenigen verbliebenen Vollzeit-Spielejournalisten bei grossen Seiten fühlen – die Angst vor dem nächsten Stellenabbau sei allgegenwärtig.
Was das für kleine Community-Seiten bedeutet
Hier wird es persönlich.
Die vermeintliche Stärke wird zur Achillesferse. Community-Seiten leben von exakt den Inhalten, die Google AI Overviews am effizientesten absorbieren: Patch Notes, Waffen-Stats, How-to-Guides, Release-Termine. Wenn ein Spieler googelt "Battlefield REDSEC Season 2 Patch Notes", liefert die KI-Übersicht die Kerninformationen direkt.
Der Klick auf bfcom.eu? Optional geworden. Retresco warnt ausdrücklich, dass auch Fach- und Special-Interest-Themen von den AI Overviews übernommen werden – mit absehbaren Verlusten an organischem Traffic.
Gleichzeitig haben Community-Portale Eigenschaften, die grosse Medienhäuser nicht replizieren können:
Erstens: Nischen-Autorität. Google mag Patch Notes zusammenfassen können, aber eine redaktionelle Einordnung – warum ein bestimmter Waffenbalance-Tweak die Meta verschiebt, was die Community-Stimmung tatsächlich widerspiegelt, welche Parallelen zu früheren Seasons existieren – erfordert Domänenwissen, das in keinem LLM steckt. Zumindest noch nicht in der Tiefe, die ein eingeweihter Community-Autor mitbringt.
Zweitens: Direkter Community-Zugang. Die Reuters-Institute-Studie identifiziert Community-Building als eine der Kernstrategien, auf die Publisher im KI-Zeitalter setzen wollen. Seiten mit einer aktiven, eingeschworenen Leserschaft – und genau das definiert ein Fan-Portal – haben hier einen strukturellen Vorteil gegenüber generischen News-Aggregatoren. Die Leser kommen nicht wegen eines Google-Snippets. Sie kommen, weil sie Teil einer Community sind.
Drittens: Markenstärke in der Nische. Laut Colorful Chairs liegt die CTR bei markenbezogenen Suchanfragen sogar 18,68 Prozent höher als zuvor – ein klarer Vorteil für etablierte Marken. Wer es schafft, den eigenen Seitennamen als Anlaufstelle in den Köpfen der Community zu verankern, umgeht das Google-Problem teilweise.
Der schmale Grat
Trotzdem wäre es naiv, die Risiken zu unterschätzen. Kleine Seiten haben weder die Ressourcen für teure Lizenzverträge mit KI-Unternehmen (wie Axel Springer mit OpenAI) noch die juristische Schlagkraft für Kartellbeschwerden. Sie können nicht einfach auf YouTube oder TikTok als primäre Distributionskanäle umsteigen, wenn das Team aus einer Handvoll Leuten besteht.
Was passiert, wenn Gaming-Guides und News-Formate – das Rückgrat vieler Community-Seiten – vollständig in AI-Antworten aufgehen? AdExchanger beschreibt den Trend als "AI Search Reckoning" und stellt fest, dass einige kleine Publisher bereits gezwungen waren, den Betrieb einzustellen.
SEO Sherpa spricht davon, dass Google nicht mehr als Gateway zu News-Seiten fungiert, sondern selbst zum Ort geworden ist, an dem Nutzer Nachrichten konsumieren. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell sich das Geschäftsmodell "kostenloser Content finanziert durch Werbeeinnahmen aus Google-Traffic" für unabhängige Gaming-Seiten als untragbar erweist.
Überlebensstrategien, die keine Buzzwords sind
Die Daten deuten auf einige konkrete Pfade hin:
Community-first statt SEO-first. Focus Online generiert über 70 Prozent seiner Seitenaufrufe durch Direktzugriffe. Für Community-Seiten übersetzt sich das in: Newsletter, Discord-Server, Social-Media-Präsenz auf Plattformen, wo die Zielgruppe tatsächlich lebt. Traffic, der nicht durch Googles Trichter muss, kann von Google auch nicht abgedreht werden.
Meinung statt Wiederholung. Die Inhalte, die am stärksten unter AI Overviews leiden, sind solche, die sich leicht zusammenfassen lassen. Einordnung, Analyse, persönliche Perspektive – das Gegenteil von "hier sind die Patch Notes" – ist deutlich schwerer zu extrahieren. Es ist kein Zufall, dass Mashable mit seinem Entertainment-Fokus (minus 30 Prozent) deutlich besser dasteht als HowToGeek (minus 85 Prozent).
Diversifizierung der Einnahmen. Patreon, Mitgliedschaften, Merch, Events – alles keine neuen Ideen, aber die Dringlichkeit hat sich verschärft. VGC, ein unabhängiges Gaming-Portal, finanziert sich über Patreon. Digital Foundry ebenso. Die Logik: Wenn der Werbemarkt mit dem Traffic einbricht, braucht es eine direkte Beziehung zum zahlenden Leser.
Video und Creator-Formate. 81 Prozent der Publisher, die mit Traffic-Rückgängen konfrontiert sind, experimentieren laut Reuters-Daten mit Live-Streams und Long-Form-Video. YouTube ist laut dem Reuters-Institute-Bericht die Plattform, auf der die meisten Publisher 2026 zusätzlich investieren wollen. Für Gaming-Seiten ist das besonders naheliegend: Gameplay-Videos, Analyse-Formate und Community-Streams ergänzen geschriebene Inhalte organisch.
Kein Fazit – aber eine offene Frage
Die Tech-Medien-Krise ist kein isoliertes Phänomen, und sie macht vor Gaming nicht halt. 63 Millionen verlorene monatliche Besuche bei zehn Publikationen, über 1.200 verschwundene Gaming-Journalisten in zwei Jahren, 100.000 Artikel weniger pro Quartal – die Zahlen lassen sich nicht wegreden.
Für Community-Seiten stellt sich die Frage: Reicht die Nähe zur Community, um den algorithmischen Wandel zu überstehen? Oder braucht es einen fundamentalen Umbau dessen, was ein Gaming-Portal im Jahr 2026 überhaupt ist?
Was denkst du – wie informierst du dich heute über deine Lieblingsspiele? Direkt auf Community-Seiten, über YouTube, Discord, Reddit, oder fragst du einfach ChatGPT?