Vier Stimmen, eine Woche, null Konsens
Innerhalb von sieben Tagen im Februar 2026 passierte Folgendes: Ein Startup-CEO veröffentlichte einen Essay, der 80 Millionen Menschen erreichte und KI mit Covid verglich. Microsofts KI-Chef gab der Automatisierung aller Bürojobs 18 Monate.
Ein ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat warnte vor Millionen Entlassungen noch in diesem Jahr. Und eine Studie mit 6.000 Führungskräften zeigte: Fast 90 Prozent der Unternehmen sehen bisher keinerlei Effekt von KI auf Produktivität oder Beschäftigung.
Willkommen in der KI-Debatte 2026. Wo alle recht haben – und niemand.
Kurz & Knapp
- Matt Shumer (CEO OthersideAI) vergleicht den aktuellen KI-Moment mit Februar 2020 – kurz vor Covid. Sein Essay erreichte über 80 Millionen Views.
- Mustafa Suleyman (CEO Microsoft AI) prognostiziert, dass KI innerhalb von 18 Monaten die meisten Bürotätigkeiten auf menschlichem Niveau beherrscht.
- Andrew Yang (Forward Party, Ex-Präsidentschaftskandidat) warnt: KI werde Millionen von White-Collar-Jobs in 12 bis 18 Monaten vernichten. Er nennt es „The Fuckening".
- Eine NBER-Studie mit 6.000 CEOs zeigt: Fast 90 % sehen keinen Einfluss von KI auf Beschäftigung oder Produktivität. Durchschnittliche KI-Nutzung: 1,5 Stunden pro Woche.
- Ökonomen ziehen Parallelen zum Solow-Produktivitäts-Paradoxon der 1980er – als Computer überall waren, ausser in den Produktivitätsstatistiken.
Narrativ 1: „Something Big Is Happening" – Der virale Weckruf
Matt Shumer beschreibt in seinem Essay eine Arbeitswoche, die klingt wie Science-Fiction, die schon stattgefunden hat. Er gibt seiner KI eine App-Beschreibung in natürlicher Sprache, verlässt den Raum, kommt vier Stunden später zurück. Die App ist fertig – Zehntausende Zeilen Code, getestet, iteriert, poliert. Ohne Korrekturen.
Shumers Kernthese: Was Softwareentwicklern passiert sei, stehe allen Wissensarbeitern bevor. Recht, Finanzen, Medizin, Buchhaltung, Design. Nicht in zehn Jahren. In ein bis fünf. Er referenziert Anthropic-CEO Dario Amodei, der 50 Prozent der Einstiegspositionen im White-Collar-Bereich gefährdet sehe – und fügt hinzu, viele in der Branche hielten das für konservativ.
Fortune übernahm den Text als Gastbeitrag. Über 100.000 Likes. CNBC lud zum Interview. Shumer ruderte dort leicht zurück: Der Essay sei nicht dazu gedacht gewesen, Angst zu machen. (CNBC)
Gary Marcus, NYU-Professor und prominenter KI-Kritiker, zerlegte den Essay am selben Tag: ein „Meisterwerk des Hypes" ohne konkrete Daten, das Halluzinationen, Sicherheitsrisiken und Studien zu systematischen Reasoning-Fehlern verschweige. Sein bissigster Punkt: Warum liess Shumer den Text von drei Menschen gegenlesen statt von der KI, die angeblich alles besser kann?
Relevant für die Einordnung: Shumer stand 2024 im Zentrum der Reflection-70B-Affäre. Er veröffentlichte ein angeblich weltbestes Open-Source-Modell, dessen Benchmark-Ergebnisse von unabhängigen Forschern nicht reproduziert werden konnten. Der Vorwurf: Das Modell sei ein Wrapper um Anthropics Claude gewesen. Shumer entschuldigte sich, lieferte aber keine schlüssige Erklärung.
Narrativ 2: „18 Monate" – Microsofts KI-Chef setzt die Uhr
Fast zeitgleich mit Shumers Essay lieferte Mustafa Suleyman, CEO von Microsoft AI, im Gespräch mit der Financial Times eine eigene Prognose: Innerhalb von 18 Monaten werde KI bei den meisten, wenn nicht allen professionellen Aufgaben menschliches Leistungsniveau erreichen. Buchhaltung, Recht, Marketing, Projektmanagement – alles, was am Computer stattfinde, sei bald automatisierbar.
Suleyman verwies auf das exponentielle Wachstum der Rechenleistung und erklärte, ein neues KI-Modell zu erstellen werde bald so einfach sein wie einen Podcast aufzunehmen. Sein erklärtes Ziel als Leiter von Microsoft AI: Superintelligenz.
Fortune ordnete die Prognose historisch ein. Die Warnungen klängen vertraut – dieselbe Melodie spielten Tech-CEOs bereits Anfang 2025. Anthropics Amodei warnte im Mai vor dem Verlust der Hälfte aller Einstiegspositionen. Fords CEO Jim Farley sagte, KI werde die Zahl der Bürojobs in den USA halbieren. Elon Musk prognostizierte auf dem Weltwirtschaftsforum, dass AGI noch 2026 eintreffen könnte.
Der unbequeme Kontrast
Doch derselbe Fortune-Artikel, der Suleymans Prognose transportiert, liefert auch die Gegenbelege. Eine Studie der Non-Profit-Organisation METR zum Einfluss von KI auf Softwareentwickler ergab: Die Technologie machte die Aufgaben um 20 Prozent langsamer. Nicht schneller. Langsamer.
Und ein Thomson-Reuters-Bericht aus 2025 zeigte, dass Anwälte, Buchhalter und Wirtschaftsprüfer KI zwar für gezielte Aufgaben wie Dokumentenprüfung testen – die Produktivitätsgewinne aber marginal bleiben und weit entfernt von einer Massenverdrängung sind.
Narrativ 3: „The Fuckening" – Andrew Yangs düsterste Prognose
Andrew Yang, der 2019 als Präsidentschaftskandidat für die Warnung vor Automatisierung ausgelacht wurde, meldete sich am Montag auf Substack zurück. Sein Beitrag trägt den Titel „The End of the Office". Die Prognose: KI werde Millionen von White-Collar-Arbeitern in den nächsten 12 bis 18 Monaten auf die Strasse setzen.
Yang beziffert die Zahl der Büroarbeiter in den USA auf rund 70 Millionen. Er erwartet, dass diese Zahl in den kommenden Jahren um 20 bis 50 Prozent sinkt. Sobald ein Unternehmen Stellen streiche, würden Wettbewerber nachziehen müssen – weil der Aktienmarkt Personalabbau belohne und Zögern bestrafe. Yang zitiert den CEO eines börsennotierten Tech-Unternehmens, der ihm bestätigt habe, aktuell 15 Prozent der Belegschaft zu streichen, mit Plänen für weitere 20 Prozent in zwei Jahren.
Die Konsequenzen reichen für Yang weit über individuelle Jobverluste hinaus. Leere Bürokomplexe, sinkende kommunale Steuereinnahmen, steigende Privatinsolvenzen. Wer heute Hemden reinigt, Hunde ausführt oder Haare schneidet, verliere ebenfalls – weil die Kundschaft nicht mehr ins Büro fährt.
Yang formuliert es mit einer Schärfe, die seine Dringlichkeit verdeutlicht: „Wenn du einer der Fachleute bist, die wahrscheinlich betroffen sind – es tut mir leid. Aber das ist real. Reduziere deine Ausgaben und triff Vorsorgemassnahmen."
Der Januar 2026 sah tatsächlich mehr Entlassungen als jeder Januar seit 2009. Pinterest strich 15 Prozent seiner Belegschaft im Rahmen einer „AI-forward strategy". HP kündigte 6.000 Stellen bis 2028 an und nannte KI als Grund. Ob diese Unternehmen KI als echten Treiber oder als Rechtfertigung nutzen, bleibt eine offene Frage.
Narrativ 4: Die Zahlen sagen etwas anderes
Und dann kam der Bericht, der all diese Warnungen in ein merkwürdiges Licht rückt.
Eine im Februar 2026 vom National Bureau of Economic Research veröffentlichte Studie befragte 6.000 CEOs, CFOs und Führungskräfte in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Australien. Das Ergebnis: Fast 90 Prozent der Unternehmen sehen über die letzten drei Jahre keinen messbaren Einfluss von KI auf Beschäftigung oder Produktivität. Zwei Drittel der Führungskräfte nutzen KI zwar – aber im Schnitt nur 1,5 Stunden pro Woche. Ein Viertel nutzt sie gar nicht.
Torsten Slok, Chefökonom bei Apollo Global Management, zog den historischen Vergleich: „KI ist überall – ausser in den makroökonomischen Daten." Damit griff er eine Beobachtung des Nobelpreisträgers Robert Solow aus dem Jahr 1987 auf, der dasselbe über Computer gesagt hatte. Solows Produktivitäts-Paradoxon beschreibt das Phänomen, dass revolutionäre Technologien oft jahrelang keine messbaren Produktivitätsgewinne erzeugen – manchmal sogar das Gegenteil.
Die J-Kurve als Hoffnung
Die Parallele ist frappierend. In den 1970er und 80er Jahren erwarteten Ökonomen und Unternehmen, dass Computer die Produktivität explodieren lassen würden. Stattdessen fiel das Produktivitätswachstum von 2,9 Prozent (1948-1973) auf 1,1 Prozent. Erst in den späten 1990ern kam der Durchbruch – ein Produktivitätsschub von 1,5 Prozent zwischen 1995 und 2005.
Slok sieht für KI eine mögliche „J-Kurve": Ein anfänglicher Rückgang der Ergebnisse, gefolgt von einem exponentiellen Anstieg. Ob sich dieses Muster wiederholt, hänge davon ab, wie Unternehmen die Technologie tatsächlich in ihre Workflows integrieren. Nicht das Produkt schaffe den Wert, sondern die Art der Implementierung.
Nobelpreisträger Daron Acemoglu vom MIT fand in einer 2024 veröffentlichten Studie einen deutlich bescheideneren KI-Produktivitätsanstieg von 0,5 Prozent über zehn Jahre. Sein Kommentar: „0,5 Prozent in zehn Jahren ist besser als null. Aber es ist enttäuschend im Vergleich zu den Versprechen der Branche."
Besonders aufschlussreich: Die ManpowerGroup befragte 2025 knapp 14.000 Arbeitnehmer in 19 Ländern. Die regelmässige KI-Nutzung stieg um 13 Prozent – aber das Vertrauen in den Nutzen der Technologie brach um 18 Prozent ein. Mehr Nutzung, weniger Überzeugung. Eine Dynamik, die kaum zu den apokalyptischen Prognosen passt.
Die eigentliche Geschichte: Wer profitiert von welchem Narrativ?
Vier Narrative in einer Woche. Alle beziehen sich auf dieselbe Technologie, im selben Zeitraum. Und doch erzählen sie völlig verschiedene Geschichten. Das ist kein Zufall – sondern ein Muster mit Struktur.
Matt Shumer leitet ein KI-Startup und ist Investor im KI-Bereich. Sein Essay generiert Aufmerksamkeit, die direkt in seine Produkte und seine persönliche Marke fliesst. Das entwertet nicht automatisch seine Beobachtungen, aber es kontextualisiert sie. Wer „Something Big Is Happening" titelt, profitiert davon, dass etwas Grosses passiert.
Mustafa Suleyman (Fortune) leitet die KI-Sparte eines Unternehmens, das Milliarden in die Technologie investiert hat und ein kommerzielles Interesse daran hat, dass Unternehmen sie adoptieren. „18 Monate bis zur Automatisierung" ist nicht nur eine Prognose – es ist ein Verkaufsargument.
Andrew Yang (Business Insider) hat seine politische Karriere auf der Warnung vor Automatisierung aufgebaut. Sein Buch, sein Substack, seine Marke – alles hängt daran, dass die Bedrohung real und unmittelbar wirkt. Je dramatischer die Prognose, desto relevanter bleibt er.
Die CEOs in der NBER-Studie wiederum haben wenig Anreiz, den Einfluss von KI zu übertreiben. Im Gegenteil – wer gegenüber Investoren zu hohe KI-Erwartungen schürt, muss sie irgendwann einlösen.
Das bedeutet nicht, dass eine Seite recht hat und die andere lügt. Es bedeutet, dass in dieser Debatte fast niemand uneigennützig spricht – und dass die Wahrheit vermutlich an einer Stelle liegt, die weniger twitterbar ist als jede der vier Positionen.
Was wir tatsächlich wissen
Ein paar Dinge lassen sich aus dem Rauschen herausfiltern. Die neuesten KI-Modelle sind qualitativ besser als ihre Vorgänger von vor sechs Monaten – das bestätigen auch Kritiker wie Gary Marcus (Business Insider). Coding-Agents bewältigen längere Aufgaben autonomer.
Gleichzeitig zeigen die Makrodaten keinen breiten Produktivitätseffekt ausserhalb der Tech-Branche.
Entlassungen steigen, aber ob KI der tatsächliche Treiber oder ein bequemes Narrativ ist, bleibt unklar. IBM verdreifacht seine Einstellungen von Berufseinsteigern (Bloomberg) – weil das Unternehmen erkannt hat, dass das Eliminieren von Juniorpositionen die eigene Führungspipeline zerstört.
Und vielleicht die ernüchterndste Erkenntnis: Eine METR-Studie fand heraus, dass Softwareentwickler bei Nutzung von KI-Tools teilweise langsamer arbeiteten – und ihre eigenen Produktivitätsgewinne systematisch überschätzten. Die Technologie ist gleichzeitig besser als je zuvor und weniger transformativ, als ihre lautesten Befürworter behaupten.
Die nächsten 18 Monate werden zeigen, ob die Propheten oder das Paradoxon recht behalten. Oder ob, wie so oft in der Technologiegeschichte, die Antwort ein langsames, unspektakuläres „Beides" ist.