Es ist ein seltenes Phänomen auf Steam: Ein Spiel, dessen Protagonisten sich bewegen wie Marionetten mit verhedderten Fäden, konkurriert plötzlich mit Multimillionen-Dollar-Produktionen um die Aufmerksamkeit der Spieler. Am 30. Januar 2026 startet Half Sword in den Early Access. Ein Blick auf die aktuellen globalen Charts (siehe Screenshot) zeigt: Mit fast 87.000 Followern und einem massiven Zuwachs in den letzten 7 Tagen spielt dieser Indie-Titel in der gleichen Liga wie Ark 2 oder Kingmakers.
Doch was treibt diese Zahlen an? Ist es nur der Gore-Faktor oder steckt hinter der wackeligen Fassade eine echte Revolution des Nahkampfs?
Kurz & Knapp
- Release: 30. Januar 2026 (Early Access auf Steam)
- Genre: Physik-basierte Mittelalter-Kampfsimulation mit Roguelite-Elementen.
- Alleinstellungsmerkmal: HEMA-basiertes Kampfsystem, gesteuert ausschließlich über Mausbewegungen.
- Hype-Faktor: Viral gegangene Tech-Demos und ein extremes Schadensmodell.
- Preis: Unbekannt, wird nach Early Access (6-12 Monate) steigen.
Die Physik der Gewalt: Exanima trifft auf Fight Club
Auf den ersten Blick wirkt Half Sword unfreiwillig komisch. Deine Figur stolpert, die Arme rudern, und Schläge wirken oft eher wie verzweifelte Schwinger in einer Wirtshauskloppe als wie ritterliche Duelle. Doch genau hier liegt das Missverständnis, das viele Neulinge haben: Die "Drunkenness" der Physik ist kein Bug, sie ist das zentrale Gameplay-Element.
Ähnlich wie im Kult-Hit Exanima steuerst du keine vorgefertigten Animationen ab. Drückst du die linke Maustaste, spult der Ritter kein "Angriff A" ab. Stattdessen kontrollierst du mit der Maus direkt die Position und den Schwung deiner Waffe.
Das Entwicklerteam Half Sword Games arbeitet eng mit Praktizierenden der HEMA (Historical European Martial Arts) zusammen. Das Resultat ist eine steile Lernkurve: Du kämpfst nicht gegen den Gegner, sondern primär gegen die Trägheit deiner eigenen Rüstung und das Gewicht deines Schwertes. Wenn du den Bogen aber einmal raus hast, entsteht ein Flow, den herkömmliche Action-RPGs wie The Witcher oder Skyrim niemals abbilden können. Ein Treffer fühlt sich wuchtig an, weil du ihn physikalisch "erarbeitet" hast, nicht weil ein Trefferbalken sinkt.
Ein "Chief Blood Officer" und die Anatomie des Schadens
Lass uns nicht um den heißen Brei herumreden: Half Sword ist brutal. Die Entwickler listen in ihren Credits tatsächlich einen "Chief Blood Officer". Das klingt nach Marketing-Gag, manifestiert sich im Spiel aber in einer erschreckend detaillierten Simulation von Verletzungen.
Das Schadensmodell berechnet nicht nur HP. Es berechnet Aufprallwinkel, Rüstungsdicke und Gewebebeschaffenheit. Ein Hammer gegen einen Plattenharnisch verursacht stumpfes Trauma, während ein Schwert an derselben Stelle abgleitet. Triffst du jedoch eine ungeschützte Stelle – etwa die Lücke am Visier oder unter der Achsel – ist der Kampf oft mit einem einzigen Schlag vorbei.
Warnung an Zartbesaitete: Die Entwickler betonen, dass "Tod endgültig" ist. Das Spiel visualisiert dies mit abgetrennten Gliedmaßen und physikalisch korrektem "Spill" (Gedärme). Das ist technisch beeindruckend, aber definitiv nichts für den entspannten Feierabend, wenn du einfach nur abschalten willst.
Vom Bauern zum Ritter: Der Roguelite-Loop
Was viele aufgrund der viralen Clips auf TikTok und YouTube übersehen: Half Sword ist mehr als nur eine Tech-Demo für Gewaltphysik. Der Early Access bringt eine Struktur ins Chaos. Du startest als einfacher Gemeiner (Commoner) und kämpfst dich durch Turniere und Raufereien hoch.
Der Twist? Permadeath.
Wenn dein Charakter stirbt, ist er weg. Deine Ausrüstung, dein mühsam erspielter Ruf – futsch. Das erzeugt eine Spannung, die in normalen Arena-Spielen fehlt. Jeder Kampf könnte der letzte sein. Du kannst dein gewonnenes Preisgeld nutzen, um bessere, historisch akkurate Rüstungen des 15. Jahrhunderts zu kaufen (oder beim Schmied anfertigen zu lassen), oder du wettest auf deinen eigenen Sieg, um den Gewinn zu maximieren.
Das Risiko-Belohnungs-System zwingt dich dazu, vorsichtig zu agieren. Wer wie in Assassin's Creed blind in die Menge stürmt, wird von der Physik-Engine gnadenlos bestraft und findet sich Sekunden später im Charakter-Editor wieder.
Warum der Platz in den Top 10 gerechtfertigt ist
Der Screenshot der Steam-Daten zeigt Half Sword umgeben von gigantischen Marken. Subnautica 2 (#1) und Deadlock (#2) sind erwartbar. Dass sich Half Sword (#10) vor Titeln hält, die massive Marketingbudgets haben, liegt an der Community-Einbindung.
Die Tech-Demo war monatelang frei verfügbar. Die Entwickler haben das Feedback der Spieler nicht nur gesammelt, sondern das Spiel um die Wünsche der Community herum gebaut. In einer Zeit, in der "Early Access" oft als Ausrede für unfertige Vollpreis-Titel genutzt wird, wirkt Half Sword erfrischend ehrlich: "Hier ist das Schwert, da ist der Gegner, viel Glück mit der Physik."
Das Spiel bedient eine Nische, die von AAA-Publishern konsequent ignoriert wird: Spieler, die keine Lust mehr auf "Press X to Win" haben und stattdessen eine mechanische Herausforderung suchen, bei der Scheitern (und hinfallen) Teil des Spaßes ist.
Was dich am 30. Januar erwartet
Wenn du am Freitag in den Early Access startest, erwartet dich laut Entwicklern ein "voll spielbares, stabiles" Erlebnis. Geplant sind 6 bis 12 Monate Early Access, in denen neue Karten, ein noch besseres Gore-System (v3.0) und Anpassungen der Heraldik folgen sollen.
Solltest du zuschlagen? Wenn du Kingdom Come: Deliverance für seine Härte mochtest, aber fandest, dass die Kämpfe zu statisch waren, oder wenn du Exanima liebst, aber eine Prise mehr Realismus (und Grafik) suchst, dann ist Half Sword ein Pflichtkauf.
Erwarte nur keine Hollywood-Inszenierung. Hier bist du kein auserwählter Held, sondern nur ein Kerl mit einem scharfen Metallstück, der versucht, nicht über die eigenen Füße zu fallen.
Bist du bereit, dich in die Arena zu wagen, oder wartest du lieber, bis die Physik-Engine etwas weniger "betrunken" wirkt? Schreib uns in die Kommentare, welche Waffe du zuerst meistern willst!