Windows 11 Fragmentierung: Eine Milliarde PCs stecken im Legacy-Limbo fest
Die Ära von Windows 10 ist technisch beendet, doch die Realität in den Unternehmensnetzwerken und Home-Offices spricht eine andere Sprache. Laut aktuellen Aussagen von Dell-COO Jeffrey Clarke im Rahmen der Q3-Earnings verbleibt ein massiver Teil der globalen Installationsbasis auf dem Legacy-OS – und das liegt keineswegs nur an fehlenden TPM-Modulen oder veralteten CPUs.
Tech-Briefing
- Install Base Split: 500 Millionen PCs sind Windows-11-kompatibel, laufen aber weiter auf Windows 10.
- Hardware-Lockout: Weitere 500 Millionen Geräte erfüllen die Systemanforderungen (TPM 2.0, CPU-Generation) nicht.
- Marktsituation: Microsoft meldet "fast eine Milliarde" Windows-11-Nutzer, verschweigt aber aktive Nutzungszahlen versus Lizenzaktivierungen.
- EOL-Status: Windows 10 Support ist (Stand Nov. 2025) ausgelaufen; Sicherheitsupdates gibt es nur noch gegen Bezahlung (ESU).
- Treiber: Fehlende Motivation für Hardware-Upgrades, da "AI PC"-Features bisher kaum Mehrwert für den Massenmarkt bieten.
Die zwei Klassen der Verweigerer
Die von Dell genannten Zahlen quantifizieren erstmals präzise das Scheitern von Microsofts aggressiver Migrationspolitik. Wir müssen hier zwischen zwei fundamental unterschiedlichen Gruppen differenzieren, die gemeinsam das "Windows 10 Holdout"-Phänomen bilden.
1. Die Hardware-Verlierer (Inkompatibilität)
Rund 500 Millionen Geräte scheitern an den künstlichen Hürden, die Microsoft 2021 errichtete. Technisch wären CPUs wie ein Intel Core i7-7700K (Kaby Lake) oder ein AMD Ryzen 1700 problemlos in der Lage, den Scheduler und die Sicherheitsfeatures von Windows 11 zu handhaben.
Das harte Requirement für TPM 2.0 und HVCI (Hypervisor-Protected Code Integrity) in Kombination mit der Whitelist ab Intel 8th Gen / Ryzen 2000 hat Millionen funktionaler Workstations zu Elektroschrott erklärt.
Kritischer Hinweis: Viele dieser Systeme laufen in KMUs (Kleine und mittlere Unternehmen), wo Investitionszyklen oft 5-7 Jahre betragen. Diese Hardware muss nun ersetzt werden, obwohl die Performance für Office-Workloads völlig ausreicht.
2. Die "Soft Refusers" (Upgrade-Verweigerung)
Die brisantere Zahl sind die 500 Millionen kompatiblen PCs, die nicht aktualisiert werden. Dies ist ein direktes Misstrauensvotum gegen die UX- und Ökosystem-Entscheidungen in Redmond. Die Gründe sind technischer und ergonomischer Natur:
- Feature-Regression: Die Taskleiste ist weniger funktional (kein freies Verschieben, erzwungene Gruppierung zum Start), das Startmenü wurde zur Werbefläche für "Empfohlen"-Inhalte degradiert.
- Account-Zwang: Der Zwang zum Microsoft-Account (MSA) bei der OOBE (Out of Box Experience) erschwert lokale Admin-Workflows massiv.
- Performance-Overhead: VBS (Virtualization-Based Security) kostet in bestimmten Gaming- und Compile-Szenarien messbar Leistung, auch auf unterstützter Hardware.
Telemetrie vs. Realität: Die "Nearly a Billion"-Metrik
Microsofts Windows-Chef Pavan Davuluri spricht von "fast einer Milliarde Menschen, die auf Windows 11 vertrauen". Diese Metrik ist mit Vorsicht zu genießen. In der Vergangenheit zählte Microsoft oft aktive Geräte pro Monat. Die Formulierung "relies on" könnte hier auch Geräte einschließen, die lediglich eine digitale Lizenz besitzen oder in Dual-Boot-Szenarien selten genutzt werden.
Im Vergleich dazu war die Adoption von Windows 10 signifikant schneller. Windows 10 bot einen klaren Performance-Vorteil gegenüber Windows 8.1 und war ein kostenloses Upgrade für Windows 7. Windows 11 hingegen wird von vielen Power-Usern als "Service Pack mit Adware" wahrgenommen.
Das Sicherheitsrisiko im Post-EOL-Zeitalter
Da wir uns nun (Stand November 2025) nach dem offiziellen Support-Ende von Windows 10 befinden, öffnet sich ein gefährliches Zeitfenster. Hunderte Millionen PCs hängen ohne Security-Patches am Netz.
Für Admins, die den Umstieg bisher per GPO oder Registry blockiert haben, wird die Luft dünn. Wer bisher auf folgende Konfiguration setzte, muss jetzt handeln:
[HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Policies\Microsoft\Windows\WindowsUpdate]
"TargetReleaseVersion"=dword:00000001
"TargetReleaseVersionInfo"="22H2"Ohne kostenpflichtiges ESU-Abonnement (Extended Security Updates) werden diese Maschinen zu potenziellen Botnet-Nodes. Kritische RCE-Lücken (Remote Code Execution) im SMB-Stack oder im Print Spooler werden nicht mehr geschlossen. Das Risiko für Lateral Movement in Firmennetzwerken steigt exponentiell an.
Microsoft hat kurz nach dem offiziellen Support-Ende von Windows 10 eine Kehrtwende für den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und die Schweiz vollzogen. Anstatt die ursprünglich kommunizierten ~30 US-Dollar pro Jahr zu verlangen, wird das erste ESU-Jahr (Extended Security Updates) für Privatnutzer "kostenfrei" freigeschaltet. Technisch betrachtet ist dies jedoch ein Tauschgeschäft: Sicherheits-Patches gegen Ökosystem-Integration.
Dells Kalkül: Der "AI PC" als Retter?
Dells COO sieht in der veralteten Hardwarebasis eine Chance. Die Logik: Wenn die alte Hardware Windows 11 nicht kann, müssen Kunden neue "AI PCs" kaufen.
Doch diese Rechnung geht bisher nicht auf. Die NPU (Neural Processing Unit) in aktuellen Core-Ultra- oder Ryzen-AI-Chips wird von kaum einer Software jenseits von Microsoft Studio Effects und lokalen LLM-Demos genutzt.
Der "Refresh Cycle" bleibt flach, weil:
- Die SSD/CPU-Leistung von 2020er-Hardware für Web-Apps und Office völlig ausreicht.
- Windows 11 keinen "Killer-Feature"-Anreiz bietet.
- Die Copilot+-Initiative durch Datenschutzbedenken (Recall-Feature) eher abgeschreckt als angezogen hat.
Alternativen für die "Inkompatiblen"
Für die 500 Millionen technisch ausgesperrten Geräte gibt es jenseits des Elektroschrotts nur zwei valide Pfade, wenn man Sicherheit priorisiert:
- Linux / Proton: Dank Valves Investition in den Linux-Gaming-Stack (Proton/Wine) ist der Umstieg für technisch versierte Nutzer einfacher denn je. Distributionen wie Fedora oder Pop!_OS bieten aktuellen Kernel-Support für ältere Hardware, die unter Windows 11 künstlich beschnitten wird.
- Windows 11 "Unsafe" Bypass: Tools wie Rufus ermöglichen die Installation auf nicht unterstützter Hardware (Bypass von TPM/SecureBoot).
- Risiko: Microsoft droht permanent damit, Updates für diese Systeme zu unterbinden. Es ist keine Lösung für Produktionsumgebungen.
Die Fragmentierung wird uns bis weit ins Jahr 2026 begleiten. Microsoft hat es versäumt, Windows 11 als technisches Upgrade zu positionieren, das den Hardware-Ausschluss rechtfertigt. Stattdessen wirkt es wie ein Hebel, um Hardware-Verkäufe anzukurbeln – ein Hebel, der bei 500 Millionen Nutzern klemmt.
via “The Motley Fool”