Ein Computer in der Tastatur – Die Rückkehr des Brotkastens
Es gibt Hardware, die schreit nach Aufmerksamkeit durch RGB-Beleuchtung und aggressive Kanten. Und es gibt das HP EliteBoard G1a. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Ersatzteil für ein Krankenhaus-Terminal, das versehentlich auf der CES-Bühne gelandet ist. Doch der Schein trügt gewaltig: HP hat hier im Grunde einen leistungsfähigen Laptop genommen, Bildschirm und Akku entfernt und den Rest in ein mechanisches Chassis gequetscht.
Das Konzept ist uralt – Commodore 64 und Amiga 500 lassen grüßen – aber die Ausführung ist brandaktuell und zielt auf einen Markt, der weit über reine Nostalgie hinausgeht.
Kurz & Knapp
- Konzept: Vollwertiger PC integriert in ein kompaktes Tastatur-Chassis.
- Leistung: Angetrieben von aktuellen AMD Ryzen AI 300 Chips ("Strix Point").
- Zielgruppe: Enterprise, Kiosksysteme, Digital Signage – und Bastler.
- Anschlüsse: USB4, HDMI 2.1 und dedizierter Copilot-Key (leider).
- Besonderheit: Extrem platzsparend, da kein Tower oder Mini-PC nötig ist.
Mehr als nur ein Raspberry Pi 400 auf Steroiden
Die Assoziation liegt nahe: Der Raspberry Pi 400 hat vor einigen Jahren bewiesen, dass der "PC in der Tastatur" auch im 21. Jahrhundert funktioniert. HP hebt das Ganze jedoch auf ein Enterprise-Level. Statt schwachbrüstiger ARM-Architektur werkelt hier ein AMD Ryzen AI 9 HX 370 (in der Top-Konfiguration). Das bedeutet: Wir reden nicht über Textverarbeitung, sondern über ernstzunehmende Rechenleistung, die theoretisch sogar für leichtes 1080p-Gaming oder Emulation anspruchsvoller Konsolen (bis hin zu PS3/Switch) ausreichen dürfte.
Die Radeon 890M iGPU in diesen Chips hat in diversen Handhelds und Laptops bereits gezeigt, dass sie die integrierte Grafik revolutioniert. Dass HP diese Power in ein Gerät steckt, das aussieht wie Peripherie aus der Buchhaltung, ist fast schon wieder cooles Understatement.
Formfaktor vs. Funktion: Wer braucht das?
Warum baut HP so etwas? Laptops existieren. Mini-PCs (NUCs) existieren. Das EliteBoard besetzt eine seltsame Nische dazwischen.
- Diebstahlschutz & Robustheit: In öffentlichen Bereichen (Schulen, Bibliotheken, Check-in-Schaltern) werden Monitore oft fest montiert. Ein Laptop ist hier zu fragil und leicht zu stehlen. Ein Mini-PC baumelt oft unschön hinter dem Monitor. Das EliteBoard liegt einfach da, ist robust und bietet "Bring Your Own Display" auf die Spitze getrieben.
- Home-Lab & Minimalisten: Für den Schreibtisch zu Hause bietet es den ultimativen Clean-Desk-Ansatz. Ein Kabel zum Monitor, eins zum Strom (oder idealerweise USB-C PD für beides), fertig.
- Thermische Vorteile: Im Vergleich zu ultradünnen Laptops bietet das dickere Chassis der Tastatur potenziell mehr Raum für Luftzirkulation. Wo ein Laptop-Lüfter oft heult, könnte das EliteBoard aufgrund der größeren Masse und Distanz zu den Komponenten leiser operieren – vorausgesetzt, HP hat das Kühlkonzept nicht verhunzt.
Die "Hässlichkeit" als Feature
Wir müssen über das Design sprechen. Das EliteBoard gewinnt keine Schönheitswettbewerbe. Es ist grau, kantig und versprüht den Charme von Büroausstattung. Aber genau das macht es für bestimmte Setups attraktiv. Es ist "Sleeper-Hardware". Niemand erwartet, dass auf diesem Eingabegerät gerade Cyberpunk 2077 (auf niedrigen Settings) oder eine komplexe Kompilierung läuft.
Die Tasten selbst scheinen laut ersten Berichten einen ordentlichen Hub zu haben, orientieren sich aber eher an Business-Notebooks der EliteBook-Serie als an mechanischen Gaming-Switches. Wer hier Cherry MX erwartet, wird enttäuscht. Dafür gibt es dedizierte Tasten für Kollaborationstools.
Konnektivität und die Grenzen des Designs
Ein kritischer Blick auf die Rückseite offenbart die wahre Stärke des Geräts. HP verbaut hier USB4-Ports. Das öffnet Tür und Tor für eGPUs. Du könntest dieses unscheinbare Brett also theoretisch an eine externe Grafikkarte hängen und hättest eine vollwertige Gaming-Station, die bei Bedarf einfach in den Rucksack wandert.
Das Fehlen eines Akkus ist der größte Nachteil gegenüber einem Laptop, aber auch ein Vorteil für die Langlebigkeit. Keine aufgeblähten Batterien nach drei Jahren Dauerbetrieb am Netzteil. Es ist Hardware, die für die Ewigkeit (oder zumindest lange Abschreibungszyklen) gebaut ist.
Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Das Trackpad. Da es rechts neben den Tasten sitzt, ist die Ergonomie für Linkshänder eine Katastrophe, und auch für Rechtshänder ist die Positionierung gewöhnungsbedürftig. Hier wirst du fast zwangsläufig zur Maus greifen müssen, was das "All-in-One"-Konzept wieder etwas aufweicht.
Ein Blick in die Nische
Das HP EliteBoard G1a wird nicht den Massenmarkt erobern. Es wird keine Konkurrenz zu deinem High-End Gaming-Rig sein. Aber es ist ein faszinierendes Stück Technik, das zeigt, wie flexibel PC-Komponenten mittlerweile geworden sind.
Als Emulator-Station im Wohnzimmer oder als ultra-robuster PC für die Werkstatt bietet es Lösungen für Probleme, an denen normale Laptops scheitern. Manchmal ist "hässlich" eben einfach nur gleichbedeutend mit "zweckmäßig" – und das hat in einer Welt voller fragiler Glas-Sandwich-Laptops durchaus seinen Reiz.
Quelle: HP