Wenn Loyalität auf Enttäuschung trifft
Zwischen all den Schlagzeilen über Altersverifikation, Datenlecks und Palantir-Verbindungen geht eine Perspektive oft unter: Die der Nutzer, die Discord über Jahre hinweg aufgebaut haben.
Ein Thread auf X zeigt, wie tief die Enttäuschung bei den treuesten Community-Mitgliedern sitzt.
Kurz & Knapp
- Ein Discord Partner und HypeSquad-Mitglied seit 2017 kündigt nach fast 10 Jahren seinen Abschied an
- Der Nutzer zahlte seit Juni 2017 ununterbrochen für Nitro – erst 5€, dann 10€ monatlich
- Community-Programme wie HypeSquad Events, Partner und Verified wurden nacheinander eingestellt
- Die Altersverifikation und die Persona/Thiel-Enthüllung sind für ihn der „letzte Nagel im Sarg"
- Er plant, seine gesamte Community innerhalb von 1-2 Jahren auf eine Alternative zu migrieren
Fast ein Jahrzehnt Discord – eine persönliche Chronik
Solva, Content Creator und Community-Betreiber, nutzt Discord seit 2016. Was als Plattform für einen damals 16-Jährigen begann, wurde zur Obsession – im positiven Sinne. HypeSquad Online ab 2017, HypeSquad Events ab 2019, Discord Partner ab 2022.
„Discord was THE PLACE TO BE. The team truly listened to us, there was a real sense of equality between the community and its representatives."
Die Screenshots, die Solva teilt, erzählen eine Geschichte von echtem Community-Engagement: E-Mails mit Discord-Mitarbeitern wie Aspekt, Mallory und Quikblend. Ein Trost-T-Shirt nach einer abgelehnten Partner-Bewerbung. Eine bezahlte Hotelübernachtung von Discord-Staff, als Solva für ein Partner-Meetup bei der Paris Games Week 2022 keine Unterkunft hatte.
Das war die Ära, in der Discord noch Discord war.
Der schleichende Wandel
Die Veränderung kam nicht über Nacht. Solva beschreibt einen graduellen Prozess:
Die Programme verschwanden: HypeSquad Events – eingestellt. Partner-Programm – eingestellt. Verified-Programm – eingestellt. Jedes Mal mit dem Versprechen, es sei temporär. Jedes Mal wurden die zuständigen Mitarbeiter entlassen.
Die Monetarisierung explodierte: Nitro-Werbung überall. Quests. Cosmetic-Shop. Namensplatten. Avatar-Dekorationen. Gradient-Farben, die zusätzliche Boosts erfordern.
Der Kontakt brach ab: Die Trust & Safety-Kommunikation wurde undurchsichtig. Kein direkter Draht mehr zur Community.
„Discord's 10th anniversary was, and I'm not joking, one of the most anticlimactic events in History. I have better memories of the 7th anniversary than the 10th!"
Die Namen, die niemand mehr kennt
Wer zwischen 2017 und 2024 in der Discord-Community aktiv war, kennt die Namen: Mallory. Quikblend. Aspekt. Discord-Mitarbeiter, die das Bindeglied zwischen Plattform und Nutzern bildeten.
Sie sind alle weg. Entlassen oder gegangen. Mit ihnen verschwand das, was Discord von anderen Plattformen unterschied: Das Gefühl, dass jemand zuhört.
Bild: Screenshot des E-Mail-Austauschs mit Aspekt
Altersverifikation als letzter Auslöser
Obwohl Solva selbst von der Verifikation nicht betroffen wäre – Discord hat ihn bereits als Erwachsenen eingestuft – ist die Ankündigung für ihn der Punkt, an dem Loyalität endet.
Die globale Altersverifikation ab März behandelt alle Accounts standardmäßig als Teenager-Konten. Ohne Gesichtsscan oder Ausweis-Upload bleibt der Zugang zu 18+ Servern gesperrt – darunter auch Communities zu Spielen wie Call of Duty oder Battlefield.
Die Begründung für Solvas Abschied geht tiefer als „ich will meinen Ausweis nicht hochladen":
„Palantir, Peter Thiel, the Epstein Files. This post is already long enough without me adding more — do your own research, it's vomit-inducing."
Er bezieht sich auf die Enthüllungen rund um den Verifikations-Anbieter Persona, der von Peter Thiels Founders Fund finanziert wird. Thiel ist Mitgründer von Palantir – jenem Unternehmen, das Überwachungstechnologie für US-Behörden wie ICE entwickelt. Discord hat den Test mit Persona nach Bekanntwerden der Verbindung zwar beendet, doch der Vertrauensschaden bleibt.
Nach dem Datenleck von 70.000 Ausweisfotos im Oktober 2025 hat Discord für viele Langzeitnutzer seine Glaubwürdigkeit verspielt. Hinzu kommt: Die Content-Filterung soll künftig per KI und menschlicher Prüfung erfolgen – mit allen Risiken von False Positives, die das mit sich bringt.
„Enshittification" – ein bekanntes Muster
Solva verwendet einen Begriff, den der Autor Cory Doctorow geprägt hat: Enshittification. Das Muster, nach dem Plattformen erst Nutzer anlocken, dann die Qualität zugunsten von Monetarisierung abbauen, sobald sie ein Monopol erreicht haben.
Discord kontrolliert de facto den Markt für Gaming-Kommunikation. TeamSpeak wurde marginalisiert, Skype ist Geschichte, Mumble eine Nische. Erst jetzt – mit den Kapazitätsproblemen bei TeamSpeak durch plötzlichen Nutzerzuwachs – zeigt sich, dass die Community aktiv nach Alternativen sucht.
Der geplante Exodus
Solvas Ankündigung ist keine impulsive Reaktion. Er plant eine Migration über 1-2 Jahre und will seine gesamte Community mitnehmen.
„I never thought I'd say this, but I'm now actively looking for an alternative to Discord."
Die Herausforderung: Sein soziales Leben findet primär auf Discord statt. Das ist kein Einzelfall. Für viele Gaming-Communities ist Discord nicht nur ein Tool, sondern die Infrastruktur ihrer sozialen Existenz. Genau das macht einen Wechsel so schwierig – und genau das nutzt Discord aus.
Der größere Kontext
Die Entwicklungen bei Discord sind Teil eines breiteren Trends. In UK hat die Regierung gerade den Online Safety Act auf KI-Chatbots ausgeweitet – dasselbe Gesetz, das Discord überhaupt erst zur Altersverifikation zwingt. Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten, Roblox führt Gesichtserkennung ein.
Die Plattformen reagieren auf regulatorischen Druck. Ob die gewählten Methoden – biometrische Datenerfassung, KI-gestützte Filterung, Ausweis-Uploads an Drittanbieter – verhältnismäßig sind, ist die Frage, die Nutzer wie Solva mit einem klaren Nein beantworten.
Was bleibt
Solvas Thread dokumentiert den Wandel einer Plattform, die einmal anders war. Die Screenshots zeigen eine Zeit, in der Discord-Mitarbeiter persönliche E-Mails schrieben, T-Shirts verschenkten und Hotelzimmer bezahlten.
Diese Ära ist vorbei. Was bleibt, ist eine Plattform, die Gesichtsscans verlangt, KI-Filter über Inhalte entscheiden lässt und mit Anbietern experimentiert, deren Investoren Überwachungsinfrastruktur für Deportationen entwickeln.
„Discord has had its time, and from now on, I'm calling for the emergence of an alternative with its own identity, one capable of going back to the roots of what made Discord successful in the first place."
Ob diese Alternative kommt, ist offen. Dass sie gebraucht wird, zeigen Threads wie dieser.