Wir hören vorerst auf, neue Artikel zu veröffentlichen. Das ist keine kreative Pause, sondern eine wirtschaftliche und rechtliche Notbremse.
In eigener Sache: BFcom legt das Projekt auf Eis
Die letzten Monate haben eine Frage immer dringlicher gemacht: Für wen schreiben wir eigentlich noch? Inhalte erscheinen, werden von KI-Systemen gelesen, zusammengefasst und ausgespielt – nur landet kaum noch jemand bei uns. Wir ziehen daraus eine Konsequenz und pausieren, bis klar ist, unter welchen Regeln dieses Spiel künftig läuft.
Kurz & Knapp
- BFcom stellt die Veröffentlichung neuer Artikel vorerst ein. Die Entscheidung ist befristet, nicht endgültig.
- Der Auslöser: KI-Antworten (Google AI Overviews, ChatGPT & Co.) zitieren unsere Inhalte als Quelle, liefern aber kaum noch Klicks. Sichtbarkeit ohne Besuch finanziert keinen Server.
- Die Dimension: Grosse Tech-Publikationen verloren seit 2024 zusammen rund 58 Prozent ihres organischen Suchtraffics; einzelne Marken wie The Verge brachen um 85 Prozent ein.
- Die Branche stirbt sichtbar: Videogamer wurde nach KI-Umbau von Google deindexiert, The Escapist zur Casino- und KI-Schleuder umgebaut.
- Die Rechtslage ist offen: Penske Media und Chegg klagen gegen Google, der Europäische Verlegerrat hat in Brüssel Beschwerde eingereicht, 16 Verfahren gegen OpenAI sind in New York gebündelt.
- Unser Plan: Wir warten ab, wie Gerichte und Regulierer die Frage „Zitat ohne Klick" einordnen, bevor wir weitermachen.
Das Problem in einem Satz: zitiert, aber nicht besucht
Wer heute „Battlefield 6 Season 3 TTK" googelt, bekommt die Antwort oft direkt im Suchfenster serviert – inklusive Quellenangabe, manchmal sogar inklusive unserer. Der Klick auf die Seite dahinter bleibt aus. Das Geschäftsmodell des werbefinanzierten Webs beruht aber genau auf diesem Klick.
Bei ChatGPT ist der Effekt noch ausgeprägter. Unsere Inhalte tauchen in den Antworten auf, der Name BFcom wird gelegentlich als Referenz genannt – ein Besuch folgt daraus praktisch nie. Die KI hat die Arbeit gelesen, der Mensch dahinter bekommt sie nie zu Gesicht. Für eine Seite, die sich über Reichweite trägt, ist das kein Randproblem, sondern der Kern.
Bild: Google Suche nach der besten Waffe in BF6. Keine Links ersichtlich, jedoch wird die hauseigene Mediathek, also youtube, referenziert.
Die Zahlen: ein Reichweiteneinbruch in Zeitlupe
Was wir im Kleinen erleben, lässt sich im Grossen messen. Eine im März 2026 von der Marketingfirma Growtika vorgelegte und von Nieman Lab ausgewertete Analyse hat zehn führende englischsprachige Tech-Publikationen untersucht. Ihr gemeinsamer Höchststand 2024 lag bei rund 112 Millionen organischen Besuchen pro Monat. Im Januar 2026 waren es noch 47 Millionen – ein Verlust von 65 Millionen Besuchern. Sieben der zehn Marken verloren mindestens die Hälfte ihres Traffics.
Organischer Suchtraffic ausgewählter Tech-Publikationen, Höchststand 2024 vs. Januar 2026
| Publikation | Rückgang organischer Suchtraffic |
|---|---|
| The Verge | −85 % (5,3 Mio. → 790.000) |
| PCMag | −41 % |
| CNET | −47 % |
| Zehn Tech-Marken (Summe) | −58 % (112 Mio. → 47 Mio.) |
Der Mechanismus dahinter ist gut dokumentiert. Eine Ahrefs-Auswertung vom Februar 2026 verbindet das Erscheinen von AI Overviews mit einem Rückgang der Klickrate um rund 58 Prozent bei den bestplatzierten Seiten – im April 2025 lag dieser Wert noch bei 34,5 Prozent. Das Pew Research Center hat parallel gemessen: Liegt eine KI-Antwort vor, klicken nur noch acht Prozent der Nutzer auf ein klassisches Suchergebnis. Ohne KI-Antwort sind es fast doppelt so viele. Du musst kein SEO-Analyst sein, um zu sehen, wohin diese Kurve zeigt.
Die grossen Häuser zogen daraus früh Konsequenzen. Business Insider verlor zwischen 2022 und 2025 mehr als die Hälfte seines Suchtraffics und entliess rund ein Fünftel der Belegschaft, wie AdExchanger berichtet. The Verge zog eine Bezahlschranke ein und setzte auf ein Community-Modell. Wer diese Reserven nicht hat, macht es leiser: kleinere Blogs stellen den Betrieb ein, weil Serverkosten und Arbeitszeit nicht mehr hereinkommen.
Das Sterben in der Gaming-Branche ist real – und besonders hässlich
Für unsere Nische ist die Entwicklung kein abstraktes Verlegerthema, sondern Tagesgeschäft. Statt sauber offline zu gehen, durchlaufen etablierte Marken einen Weg, den das Branchenmagazin Press Gazette als „Parasiten-SEO" dokumentiert hat. Verlage verkaufen ihre Seiten, der neue Eigentümer entlässt die Redaktion und füllt die Marke mit KI-Texten und Glücksspiel-Links.
Das prominenteste Beispiel ist Videogamer, ein über zwanzig Jahre altes britisches Portal. Nach der Übernahme durch die maltesische ClickOut Media wurden die Journalisten durch erfundene KI-Autoren ersetzt – komplett mit Fake-Foto und Fake-Biografie. Eine KI-„Rezension" zu Resident Evil Requiem flog bei Metacritic raus, kurz darauf entfernte Google die gesamte Seite aus dem Index. TheGamer beschreibt das Ende einer Marke, die ehemalige Mitarbeiter heute kaum wiedererkennen.
The Escapist, einst für tiefgründigen Spielejournalismus bekannt, traf es ähnlich. Nach dem Verkauf wurde die Redaktion abgebaut, die Seite mit KI-Inhalten und Casino-Verweisen bestückt. Ein internes Ampelsystem für den KI-Anteil pro Artikel – von „AI Minor" bis „AI Significant" – hat das Magazin Aftermath anhand verifizierter Screenshots offengelegt. Pikant: Selbst die Press-Gazette-Recherche über diese Firma verschwand zwischenzeitlich aus den Google-Ergebnissen.
Der Punkt für uns ist nicht das Mitleid mit fremden Marken. Der Punkt ist die Logik: Wenn Suchtraffic wegbricht, wird eine gewachsene Redaktion zur Belastung – und ihr Wert für Aufkäufer liegt nur noch im Markennamen, nicht in den Menschen. Genau diese Logik wollen wir bei BFcom nicht bedienen.
Die Rechtslage ist der eigentliche Grund für unsere Pause
Wir hätten weitermachen, schrumpfen oder die Strategie verbiegen können. Stattdessen warten wir, weil derzeit an mehreren Fronten verhandelt wird, ob das Zitieren ohne Vergütung und ohne Klick überhaupt zulässig ist. Der Ausgang dieser Verfahren entscheidet, ob ein Modell wie unseres künftig noch trägt.
Bild: BFcom - Organischer Tod
Laufende Verfahren rund um KI-Suche, Inhalte und Klickverlust
| Verfahren / Beschwerde | Parteien | Stand | Kernfrage |
|---|---|---|---|
| Kartellklage gegen Google | Penske Media (Rolling Stone, Variety, Billboard) | Klage Sept. 2025, Erwiderung gegen Abweisungsantrag Feb. 2026 | Missbraucht Google seine Suchmacht, um Inhalte für AI Overviews zu erzwingen? |
| Kartellklage gegen Google | Chegg | seit 2025 anhängig | Vergleichbarer Vorwurf des Traffic-Entzugs durch KI-Antworten |
| Kartellbeschwerde | Europäischer Verlegerrat (EPC) | bei der EU-Kommission eingereicht, Feb. 2026 | Fasst Google Inhalte ohne Erlaubnis und Bezahlung zusammen? |
| Urheberrechts-Sammelverfahren | NYT, NY Daily News, Center for Investigative Reporting u. a. gegen OpenAI/Microsoft | 16 Klagen gebündelt in New York (MDL 1:25-md-03143) | Ist das KI-Training mit fremden Inhalten „Fair Use"? |
Die Klage von Penske Media trifft den Nerv: Der Verlag wirft Google vor, das alte Abkommen zerschlagen zu haben, nach dem Verlage Indexierung gegen Besucher tauschten. Penske beziffert den eigenen Einbruch der Affiliate-Erlöse auf über ein Drittel und argumentiert, ein Opt-out aus den AI Overviews sei ohne kompletten Rückzug aus der Google-Suche unmöglich. Google nennt die Klage haltlos und verweist darauf, dass KI-Antworten Entdeckung breiter streuten.
In Europa hat der Europäische Verlegerrat im Februar 2026 formell Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht. Die Verlage beschreiben eine Zwickmühle: Entweder Traffic an die KI verlieren oder in der Suche unsichtbar werden. Eine dritte Option gibt es bei einem globalen Suchmarktanteil von rund 90 Prozent praktisch nicht.
Auf der Urheberrechtsseite läuft das grosse Verfahren gegen OpenAI. 16 Klagen von Nachrichtenorganisationen und Autoren wurden in New York gebündelt; angeführt wird das Feld von der New York Times. Anfang Januar 2026 verpflichtete Richter Sidney Stein OpenAI dazu, 20 Millionen anonymisierte ChatGPT-Protokolle herauszugeben – ein Etappensieg für die Verlage. Die zentrale Frage bleibt offen: Ob das Training auf fremden Texten als „transformativ" durchgeht, haben unterschiedliche Gerichte bislang unterschiedlich beantwortet. OpenAI selbst beruft sich in seiner Stellungnahme auf das Fair-Use-Prinzip.
Solange juristisch ungeklärt ist, ob unsere Inhalte zitiert, zusammengefasst und ausgespielt werden dürfen, ohne dass ein Klick oder eine Vergütung zurückkommt, schreiben wir gegen ein Modell an, dessen Regeln gerade vor Gericht neu geschrieben werden.
Warum wir warten – und nicht einfach lauter werden
Man könnte einwenden: Dann optimiere halt auf KI-Sichtbarkeit, werde die Quelle, die jede AI Overview zitiert. Das Argument hat einen wahren Kern – zitierte Marken behalten anteilig mehr Klicks als nicht zitierte. Nur löst es das Grundproblem nicht. Sichtbarkeit in einer Antwort, die den Besuch ersetzt, ist eine Auszeichnung ohne Gegenwert. Wir würden mehr produzieren, um weniger zu bekommen.
Die ehrlichere Lektion aus den Daten lautet: Das Publikum wandert ab in geschlossene Räume. Verlässliche Tests und Tipps werden zunehmend in Foren, Discord-Servern, Newslettern und hinter Bezahlschranken gesucht – dort, wo eine KI sie nicht einfach abgreifen und weiterverwerten kann. Die Ära des freien, werbefinanzierten „blauen Links" neigt sich für viele kleine Portale dem Ende zu, und so ehrlich sollten wir zu dir sein.
Wir machen BFcom nicht zur KI-Schleuder, und wir verheizen das Projekt auch nicht in einem Wettlauf, den die Plattformen ohnehin gewinnen. Stattdessen beobachten wir die Verfahren, prüfen tragfähige Modelle jenseits reiner Suchabhängigkeit und melden uns zurück, wenn wir wissen, unter welchen Bedingungen das Schreiben hier wieder Sinn ergibt.
Wie erlebst du das selbst: Suchst du Gaming-News und Hardware-Tests noch über Google – oder hast du längst auf Discord, Foren und Newsletter umgestellt? Schreib es uns, deine Antwort fliesst in unsere Entscheidung ein, wann und wie BFcom zurückkommt.